Episoden aus meinem Leben

84. Splitter - Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel

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Vierzehn Jahre bin ich alt. Meine Mutter ist sehr stolz auf mich oder - besser gesagt - auf sich. Diesen Sommer sind wir in einem Urlaubsheim für Blinde in St. Georgen am Reith in Niederösterreich. Gerne mache ich, worum mich meine Mutter bittet, nämlich ihr und einer Gruppe von fünf blinden Frauen täglich eine Stunde aus Romanen vorzulesen. Von gleichaltrigen Kindern zum Baden eingeladen, will ich heute meinen Minnedienst absagen. Das wird von meiner Mutter nicht akzeptiert und ich muss mein Vorhaben aufgeben und gegen meinen Willen vorlesen. Ich bin zornig.

Nach der Lesestunde ist es fürs Baden zu spät. Mit Wut im Bauch mache ich mich nach dem Abendessen auf den Weg. Ich weiß nicht wohin, wähle aber die Straße nach Göstling. Nach drei Stunden bin ich dort. Ich lege mich auf eine Parkbank. Aber die ist mir zu hart. Ich wandere weiter. Nur nicht zurück! Mein nächstes Ziel ist Lunz am See. Was macht man hier um Mitternacht? So gehe ich weiter am Mittersee vorbei zum Obersee. Diese zusätzlichen zwanzig Kilometer kosten mich wieder fünf Stunden. Es ist früh am Morgen. Dieser Platz ist idyllisch, vor allem als ich mich dem kleinen smaragdgrünen See nähere. Da entdecke ich einen kleinen Kahn.
Entgegen meiner Annahme sind auch Paddel da. Ich setze mich hinein und rudere seelenruhig. Das ist Erholung pur. Ich bin endgültig besänftigt. Befreit von meinem Zorn mache ich mich auf den Rückweg. Die vierzig Kilometer bei sommerlichem Wetter sind mir ein Genuss. Ich fühle in mir die Befriedigung, dass meine Mutter hoffentlich große Angst ausgestanden hat, weil ich 24 Stunden nicht da war Ich ärgere mich nicht mehr.

Wut

25 Jahre später werde ich in New York vom Geschäftsleiter einer Glasfabrik für eine Stelle im Verkauf engagiert. Das ist mir sehr willkommen, ist doch die Firma, für die ich bis jetzt gearbeitet habe, pleite. Vorher Exportleiter werde ich jetzt als Sachbearbeiter für Südamerika eingestuft, weil ich etwas Spanisch kann. Außerdem bin ich der Gebietsvertreter für Salzburg und Oberösterreich. Zusätzlich soll ich Handelsware auf Provisionsbasis verkaufen. Bald wird mir klar, dass dieser Teil meiner Aufgaben nicht so lukrativ ist, wie mir vermittelt worden war. Ich muss auf den Eingang von Barem mindestens neunzig Tage warten. Besonders am Anfang ist das bitter. Ich bin frustriert. Ich bin auch enttäuscht darüber, dass meine Reisen nicht wie bisher nach Montreal, Los Angeles und Miami, sondern maximal bis Salzburg führen. Ein Umstand jedoch treibt mich zur Weißglut. Ich muss meiner unmittelbaren Chefin nicht nur alle Briefe, sondern auch alle meine Telexe, wenn sie auch nur zwei Zeilen kurz sind, zeigen, bevor ich sie abschicken darf. Ich schlucke das hinunter, bis ich endlich eine andere Firma gefunden habe, die meine Qualifikation besser zu schätzen weiß. Beim Abgang jedoch ist es mir wichtig, klar auszusprechen, dass diese übertriebene Kontrolle wie bei einem Lehrling der Hauptgrund für mein Ausscheiden ist.

In der nächsten Firma steigt eine Kollegin von mir zur Chefin meiner Abteilung auf. Sie macht ihren ersten Rundgang durch ihr „Hoheitsgebiet“. Ich bin nicht neidisch, weil ich in meinem Aufgabengebiet genug Freiraum habe, der mich sehr herausfordert. Und ich liebe Herausforderungen. Aber als sie mich das erste Mal an meinem Arbeitsplatz besucht, legt sie mir ihren Arm auf meine Schulter. Mich erinnert diese Haltung „von oben herab“ an meine frühere Chefin. Ich versuche, meinen Zorn zu beherrschen und diese Übergriffigkeit zu ignorieren. Mein Gesicht verfinstert sich und ich erstarre zur Salzsäule. Offensichtlich ist das für sie spürbar. Sofort zieht sie ihre Hand zurück. Zwar verberge ich meine Entrüstung, aber das Vertrauen zu meiner Chefin ist gestört.


kostenfrei
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Titel-Tipps:

Christian:
„Meine Reise durch die Wut"
Brigitte:
„Frustrationen"
„Auf Frustration folgt Genugtuung"


Kommentare (autorisiert):

Leopold:
„Herzlichen Dank für die regelmäßige Übermittlung Ihrer Splitter. Gerade bei diesem habe ich wieder eine Paralleliät festgestellt. Nicht nur Hohenlehen, wo ich aufgrund der Berufstätigkeit meines Vaters wohnhaft war und Sie im Rahmen des Jugendrotkreuzes einige Zeit verbrachten, sondern auch das Blindenheim in St. Georgen. Die Schwester meiner Mutter - blind seit einer Operation in ihrer Jugend - verbrachte die Sommermonate im Blindenheim in St. Georgen. Während ihrer Anwesenheit besuchte sie uns auch öfters mit dem "Schofkasexpress". An einem Tag durfte ich Sie in Hohenlehen auf den Garnberg (Alm der Schule in Hohenlehen) als 4-jähriger über den schmalen Steig sie an der Hand führend allein ohne Erwachsenenbegleitung führen. Das Vertrauen meiner Mutter mir gegenüber und meine Unbedachtheit wundern mich noch heute. Es ging allerdings gut."