Episoden aus meinem Leben

87. Splitter - Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel

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1961, knapp vor der Matura überlege ich, ob ich meinen Entschluss, Priester zu werden, endgültig besiegeln soll. Ich habe keine Geschwister oder Freunde, die mich beim Nachdenken unterstützen können. Mein Vater will das wegen unserer gerade erfolgten Versöhnung nicht in Frage stellen und meine Mutter freut sich, dass ihr Sohn etwas „Besseres“ wird. Bei meinen Schulkolleginnen und –kollegen führe ich die große Lippe und alle einschlägigen Anspielungen, ob ich künftig tatsächlich keinen Kontakt zu Frauen haben wolle, prallen von mir ganz automatisch ab. Österreich ist von Deutschland durch eine amtlich kontrollierte Grenze getrennt. Natürlich gilt die Überprüfung durch Zollbeamte auch für Einreisende aus Garmisch-Partenkirchen, obwohl dieser Ort nur zirka 15 km davon entfernt ist. Derzeit verbringe ich meine Ferien hier im außerfernerischen Lähn bei meiner Mutter. Das liegt ebenfalls zirka 15 km von der Grenze entfernt, aber auf der anderen Seite. Durch die Anwesenheit meiner Mutter in kindliche Manieren zurckversetzt radle ich auf der Bundesstraße, als ich von drei „Ausländerinnen“ in einem PKW mit dem Kennzeichen, beginnend mit „GAP“, angesprochen werde. Offensichtlich handelt es sich dabei um ein Geschwisterpaar mit Tochter bzw. Nichte. Sie fragen mich, ob sie auf dem richtigen Weg zum Plansee wären. Ich hole sogar eine Landkarte aus unserer Wohnung, um den Weg genau zu beschreiben. Zwei Wochen später schauen die drei Damen wieder vorbei. Es scheint, dass ihnen die hiesige Gegend besonders gut gefllt. Oder gibt es einen anderen Grund? Zusammen mit meiner Mutter lade ich sie als Gäste in unsere Wohnung. Wir amüsieren uns bei einer angeregten Unterhaltung und vereinbaren ein weiteres Treffen in naher Zukunft. Dann - bei ihrem Ausflug ins Lechtal - fahre ich mit. Wenig später machen wir gemeinsam einen Ausflug zum Stift Stams. wo ich mich sehr schüchtern weitab von der für mich besonders attraktiven jungen Dame stelle. Ich will auf keinen Fall aufdringlich erscheinen. Ab jetzt schreiben wir einander öfters und im folgenden Winter werde ich sogar für ein paar Tage nach Garmisch eingeladen. Das lässt mich schon forscher werden. Ich fühle mich sehr wohl. Gemeinsam machen wir, die hübsche Gleichaltrige, und ich Spaziergänge. Zur „Morgenwäsche“ reibe ich sie mit Schnee ein. Wir bewerfen uns mit Schneebällen und haben viel Vergnügen miteinander.


 


Dieser Kontakt mit dem anderen Geschlecht lässt mich wieder an mein Dilemma denken, ob ich Priester werden oder einen „weltlichen“ Beruf ergreifen soll. Ein sporadischer Briefwechsel mit meiner Bekannten erhöht die Ungewissheit. Ich aber will Klarheit haben, wie ich mich entscheiden soll. Also beschließe ich, überraschend – wie damals die Rückkehr der Drei für mich gewesen war – einen Besuch bei meiner neuen Freundin, die mich in Aufruhr gebracht hat, zu machen, Ich schnappe also mein Fahrrad und lenke es Richtung Garmisch-Partenkirchen. Es sind insgesamt zirka 60 Kilometer, die mich etwa vier Stunden kosten. Als ich ankomme und an der Tür läute, dauert es eine Weile, bis mir geöffnet wird. Ja, sie ist es! Aber sie deutet mir, dass ich derzeit nicht eintreten soll. Ich folgere, dass ein wichtigerer Besuch zu Gast ist, der mich auf keinen Fall sehen darf. Ich sage ihr nur, dass ich mit dem Rad von Innsbruck gekommen bin und Durst habe. Sie eilt zurck ins Haus und bringt mir ein Glas Wasser: „Stell es einfach auf den Gartentisch!“ Ich mache das auch, pflücke jedoch – ohne zu fragen - einige Ribisel-Beeren, bevor ich wieder zurückradle. Freilich erlässt mir dieses frustrierende Erlebnis nicht die Qual der Wahl. Aber es hätte - wenn es anders verlaufen wäre - eine entscheidende Rolle spielen können. Jetzt fühle ich mich wieder mit meinen Zweifeln allein gelassen. Nein, ich stehe nicht alleine da. Wer immer mich jetzt beeinflussen kann, ist dafür, dass ich meinen Weg als Ordensmann zuversichtlich beginne. Neben meiner Mutter sind dies die Patres Serviten, die mir vorgelebt haben, dass die kirchliche Karriere erstrebenswert und sogar die einzig richtige ist. Zudem sind da die drei Kollegen, die gleichzeitig mit mir in den Orden eintreten wollen. Soll ich jetzt als einziger von ihnen abspringen? Nein! Ich bin nicht imstande, die Barriere zu überwinden, die von meinem unmittelbaren Umfeld so streng kontrolliert wird. Ich lasse mich mit dem Ordenskleid oder der "Mönchskutte" einkleiden, obwohl ich nicht weit davon entfernt war, einen anderen Weg zu wählen.



kostenfrei
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Titel-Tipps:

Bea:
Das Dilemma"
"Mein Dilemma"
Antal:
Unkeuschheit und Güte – ein Gegensatz ?"
Brigitte:
Mönchskutte oder Straßenanzug ?"
"Was will ich wirklich ?"
Entscheidung fürs restliche Leben ?"
Fritz:
Meine Kopfentscheidung"


Kommentare (autorisiert):

Antal:
„Es ist ja wirklich zu dumm, dass es (auch heute noch immer, hoffentlich nicht mehr lang) diese Entscheidungssituation gibt: Ich will ein sinnvolles und gutes Leben als Priester leben – kann ich das aber mit all meinem natürlichen Begehren ? Was hat das eine mit dem anderen zu tun ? Um mit Travnicek zu sprechen : 'Offen gestanden nix!'"
Fritz:
„Ja,ja wenn wenn man alles vorher wüsste, würde man wahrscheinlich die gleiche richtige oder auch falsche Entscheidung treffen. Hätte dich das Fräulein, für die du doch Gefühle empfunden hast, in die
Wohnung oder sonst wohin eingeladen, wäre dir die Entscheidung leichter gefallen.
"
Judith:
„Eine meiner Lieblings-Erinnerungen an meine Kindheit ist die an den Onkel mit der „komischen Kleidung“ auf seinem Motorrad. Immer etwas Besonderes und Geheimnisvolles -:)))"
Heinz:
„Mir als ungläubiger Mensch, ist es ja unverständlich, wie man sich für die Laufbahn als Priester interessieren kann und ich denke, dass Du damals in der Zeit Deiner Entscheidung die Meinung eines ‚Ungläubigen‘ nicht respektiert hättest."