Episoden aus meinem Leben

88. Splitter - Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel

Link zur Übersicht aller bisherigen Splitter
Link zum Feedback auf diesen Splitter
Link zum Feedback auf den letzten Splitter

Ich freue mich über jeden Titel oder Kommentar und über jeden, der künftig die Splitter regelmäßig erhalten wollen. Bitte alles an: egon.biechl@chello.at
Kommentare nur für mich privat bitte als solche kennzeichnen.



.


Gilera_Europa   Gilera Detschland


Mit 24 bin ich voller Tatendrang. Als Student der Theologie bin ich auch lernbegierig. Zielstrebig gehe ich an die Verwirklichung meines Planes, in Paris einen Intensiv-Kurs in Französisch.zu besuchen. Mein unmittelbarer Vorgesetzter, der „Padre Maestro“ im italienischen Kloster, ist mir sehr gewogen, gibt seine Einwilligung und ist dabei, den für die Finanzierung zuständigen Pater Provinzial in der Tiroler Ordens-Provinz, zuständig für ganz Österreich, zu kontaktieren. Bevor er noch dazu kommt, setze ich ihn über meine Absicht ins Bild, nicht mit dem Zug, sondern mit meiner Gilera 125 nach Frankreich zu reisen. Meine Oberen räumen mir diesen enormen Vertrauens-Vorschuss ein. Allerdings bestehen sie darauf, dass ich dabei einen Sturzhelm trage, obwohl es dafür noch keine gesetzliche Pflicht gibt.

Die Freiheit, die mir zugestanden wird, öffnet mir die Augen, dass mein künftiges Leben im Kloster nicht ganz so von der Außenwelt abgeschottet sein wird, wie ich es mir während meiner Noviziats-Zeit vorgestellt habe.

Ich mache mich, wohlvorbereitet für meine Weiterbildung, und in froher Erwartung der Abenteuer, die bei dieser Reise auf mich zukommen werden, auf den Weg. Ich wähle die Route über die Schweiz, wo die Grenzbeamten beanstanden, dass ich auf meinem Motorrad neben dem „TO“ für Torino kein „I“ für Italia angebracht hat. Mit dem Argument, Tiroler Hitzköpfe könnten mir die Maschine beschädigen, wenn sie herausfänden, dass es sich in der Zeit unmittelbar nach den Südtiroler Strommasten-Attentaten
um einen der damals verhassten Italiener handle, konnte ich das Ansinnen zum Befestigen eines
solchen Kennzeichens abwehren.

Trotzdem bekomme ich die Fahrt durch die Schweiz schmerzhaft zu spüren, als ich bei einem
Mittagessen in einem Genfer Restaurant fast ein Drittel meines Budgets für das gesamte Monat
ausgeben muss, weil ich zu spät bemerke, welch enorm hohe Preise hier verrechnet werden.
Doch die ganz große negative Überraschung ereignet sich erst in Paris, unmittelbar nach meinem
Eintreffen am Zielort: die Kupplung der Gilera ist kaputt und kann in Frankreich wegen fehlender
Ersatzteile nicht auf die Schnelle repariert werden. Ich will aber die Vorteile der Mobilität
mit meinem Motorrad nicht missen, den dreiwöchigen postalischen Versandweg nicht abwarten und
ersuche um die Erlaubnis, mit der Bahn nach Turin zurückkehren und dort das erforderliche Ersatzteil kaufen zu dürfen. Genehmigt, getan. Ersatzteil eingebaut. Ich kann tatsächlich die Bewegungsfreiheit und Flexibilität nutzen, die mir Wochenend-Ausflüge mit und ohne Begleitung am Soziussitz in das Künstlerviertel am Montmartre und in den Bois de Boulogne erlauben.

Als der Kurs zu Ende ist, fragt mich eine brasilianische Studienkollegin, ob sie mit mir als Beifahrerin mitfahren dürfe. Ihr Ziel ist Deutschland, über das ich nach Österreich gelangen will. Wir packen ihre Habseligkeiten zu den meinen auf den Gepäckträger meiner Maschine. Sie setzt sich auf den Soziussitz und wir fahren los. Die Fahrt dauert nur kurz. Bereits bei der Ausfahrt durch den Torbogen komme ich durch die ungewohnte Last ins Schwanken und kann nur mit Mühe und Not einen Sturz vermeiden. Das ist für sie Grund genug, von ihrem Plan, mit mir die Welt zu erobern, Abstand zu nehmen. Ich bin enttäuscht.

So fortschrittlich ich mit seinem Sturzhelm auch bin, meine restliche Ausrüstung und die meiner
Gilera sind doch etwas mangelhaft und altmodisch im Vergleich zum aktuellen Trend: die Jacke ist
aus Kunstleder, die Hose aus Baumwolle, nur die Halbschuhe sind aus Leder. Meine
Siebensachen befinden sich in einem Pappkoffer, befestigt mit einem Spanngummi am filigranen
Trägergestell. Jeder Regenguss wird so zum Problem für Nässe-Empfindliches: eine durchsichtige
Plastikfolie muss nach dem ersten Reinfall meinen Koffer schützen, aber für meine durchnässten
und schon fast erfrorenen Beine gibt es auf der Gilera keine Abschirmung wie durch das Frontblech einer Vespa oder Lambretta. Stehenbleiben und Absteigen sind die Devise.

Mein jugendlicher Elan bleibt jedoch unbeeindruckt und ich schwelge - zurückgekehrt nach
Turin - in den Erinnerungen an meine ereignisreiche Europa-Rundreise.



kostenfrei
Das ist das Feedback zu dieser Episode:
Titel-Tipps:

Lela:
Abenteuer Paris"
Gerti:
Gilera-Pionier quer durch Europa"
Brigitte:
Erlebnisreiche Europa-Rundreise auf zwei Rädern"
Meine Gilera und ich - in der großen weiten Welt"
Mit der Gilera 125 auf abenteuerlicher Studienreise"


Kommentare (autorisiert):

Catriel:
„Zur Gilera mit toller Ausrüstung und einer Brasilianerin auf der Pupperlhutsch’n, na du hast was erlebt mit deinem Pappkoffer, vor allem im Regen! Hast du damals um ihre Telefonnummer gebeten?? Na ja, wer im Trockenen sitzt, lacht über den Regen. Das passt jetzt fuer uns beide. HM?"