Episoden aus meinem Leben

89. Splitter - Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel

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Ich freue mich über jeden Titel oder Kommentar und über jeden, der künftig die Splitter regelmäßig erhalten wollen. Bitte alles an: egon.biechl@chello.at
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Wie alle anderen Ehepaare auch, haben wir unsere Frühstücksrituale.

Meine Frau liest täglich fünf Tageszeitungen. Mit Rücksicht auf dieses enorme Lese-Pensum für meine liebe Frau, die Querleserin, nehme ich ihr die Zubereitung des Frühstücks ab. Dafür braucht man keine Kochkünste, sondern nur exakte Kenntnis des Ablaufs, also Routine.

Ich erledige das Mahlen und Sieden des Kaffees, das Erhitzen und Aufschäumen der Milch, das Bereitstellen von Frühstücksgedeck und unterschiedlicher Brotaufstriche samt Honig und Kandisin. Brot und Butter darf auch nicht fehlen. Für mich gibt’s dazu noch frische Früchte ins Yoghurt. Wenn das alles erledigt ist, setze ich mich erholungsbedürftig zum Tisch, um mit dem Frühstücken zu beginnen. Da meine Frau - wie sie sagt - nicht gleichzeitig lesen und essen kann, liest sie nicht nur einen Absatz in der soeben begonnenen Zeitung oder ein ganzes „Buch“ zu einem bestimmten Ressort wie Kultur oder Chronik, sondern meist eine ganze Zeitung fertig, bevor sie den bereitgestellten Imbiss verkostet.

Ich bin ein Durchschnitts-Leser und ein Über-Durchschnitts-Esser und muss daher gleichzeitig mampfen und lesen. Zuhören muss ich dabei auch, weil meiner wissbegierigen Gattin beim Lesen Passagen unterkommen, die interessant genug sind, um sofort weiter vermittelt zu werden. Dabei wird auch meine Stellungnahme erwartet. Bei dieser Gelegenheit benütze ich meinen Zeigefinger, um den Punkt zu markieren, an dem ich anschließend weiterlesen kann.

Das mache ich auch dann, wenn sie mir die Wizany-Karikaturen aus den Salzburger Nachrichten zeigt. Damit entspricht sie meinem allzeit gültigen Wunsch, mich daran teilhaben zu lassen, um mich - garantiert - an Wort und Bild zu amüsieren.


Wizany


Ich lese ohnehin nur eine der fünf Zeitungen und zwar jene, die mir auf meine Rückfrage von meiner Frau empfohlen wird. Dabei kann sich der Vorschlag je nach der gerade aktuellen Linie des Blattes ändern. Meist tue ich gut daran, diesem Tipp zu folgen.

Aufgrund meines mehrfach behinderten Lesevergnügens (essen, zuhören, kommentieren) bin ich mit Essen früher fertig als mit Lesen. Jetzt kommt die Entscheidung: bleibe ich sitzen, um zumindest das erste Buch - den politischen Teil - fertig zu lesen, oder lasse ich mich von meiner Sehnsucht leiten, Neuigkeiten aus meinem Computer zu erfahren und meinen Senf dazuzugeben oder nicht? Der restliche - ungelesene - Teil der Zeitung kann ja warten, bis die Situation dafür opportun ist.

Der Mitteilungsdrang meiner Gemahlin ist damit meist nicht ausgeschöpft. Sie empfiehlt mir, besonders interessante Artikel, womöglich sofort zu lesen. Auch meine Flucht zum Computer ist kein Allheilmittel gegen die persönliche Übermittlung einzigartiger Zeitungsausschnitte. Diese jedoch sind jetzt fast immer mit Leuchtstift-Markierungen versehen. Das hilft mir, allein durch das Lesen des in Pink gekennzeichneten Absatzes die Essenz der angebotenen Aussage zu erfassen.

Auch das ist bereits - so wie das Frühstücksritual - zur verlässlichen Routine geworden.


kostenfrei
Das ist das Feedback zu dieser Episode:
Titel-Tipps:

Brigitte:
Multitasking beim Frühstück"
1, 2, 3 - Frühstückszauberei"
Unser Frühstück - ein Erlebnis der besonderen Art"
Hannelore:
Die Vorleserin am Morgen"
Frühstücks Unterhaltung vom Feinsten"
Lela:
Morgen-Zeitungslese-Meisterin Ina"


Kommentare (autorisiert):

Hannelore:
„Wieder einmal einer von den köstlichen Artikeln, danke für das Entertainment"
Trude:
„Na, ja, jeder hat seine eigenen Frühstücksrituale: Frühstückzubereitungwar meine Aufgabe. Während dieser „Arbeit“ habe ich von meinem Mann die wichtigsten Artikel vorgelesen bekommen, die Todesanzeigen habe ich dann selbst gelesen, weil es könnte ja jemand gestorben sein, den mein Mann nicht kannte.
Dann war es Zeit in die Arbeit zu fahren, Robert nach Wattens zu Swarovski, er war dort Abteilungsleiter und ich in die Klinik, ich war dort Personalsachbearbeiterin. Abends wäre dann die Zeitung nicht mehr interessant gewesen.
Samstag und Sonntag wurde alles ruhiger gemacht, weil wir da Zeit hatten. Da wurden die Freizeitgestaltungen für diese 2 Tage durchgegangen. So ging es bis zu unserer Pensionierung. Dann wurde alles viel langsamer angegangen. Als mein Mann starb, habe ich halt alleine die Zeitung gelesen und so ist es geblieben."