ina biechl

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Episoden aus meinem Leben

69. Splitter - Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel

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JRK Hohenlehen


Als 19-Jähriger besuche ich immer noch das Gymnasium. Ich bin Leiter der Innsbrucker Jugendrotkreuz-Gruppe und werde in diesem Zusammenhang zu einem internationalen Ferienlager eingeladen.

In Waidhofen a. d. Ybbs treffen sich fast alle der 40 Teilnehmenden und fahren von dort mit der Schmalspurbahn nach Hohenlehen. Am Bahnhof angekommen werden wir von einem Traktor mit Anhänger empfangen, der unser Gepäck zum Endziel Schloss bringt. In diesem imposanten Gebäude ist während der Schulzeit die Landwirtschaftliche Fachschule untergebracht. Jetzt dürfen wir für drei Wochen hier wohnen.

Darauf, dass die Lagersprache Englisch sein wird, sind wir bereits vorbereitet. Wir wissen, dass einige von uns aus England, Kanada und den USA kommen werden. Deutsch sprechen wir natürlich unter uns Österreichern und mit Schweizern und Ostdeutschen beiderlei Geschlechts. Im direkten Kontakt mit denen aus der DDR habe ich das Gefühl, dass das bei dem angespannten Verhältnis zwischen unseren Ländern eine große Ausnahme darstellt.

Der Juli bietet wunderbares Sommerwetter und gestattet uns, den Großteil des theoretischen Lernstoffs im Freien aufzunehmen. Zu diesem Zweck nimmt jeder von uns seinen Sessel aus dem Speisesaal und stellt ihn in die Wiese rund um unsere sympathische junge Ärztin Frau Dr. Gohari aus Persien.

Auch für die praktischen Übungen steht uns der Platz vor dem Schloss zur Verfügung. Dort lassen wir einen Autounfall passieren, bei dem hauptsächlich wir Teenager die Möglichkeit haben, unser Können für einen solchen Notfall zu schulen oder bereits Gelerntes anzuwenden. Neben anderen Wunden waren sogar offene Knochenbrücke mit Plastilin täuschend genau nachgebildet.

Herr Skarke und die sechs Personen seines Teams , die für die gesamte Organisation zuständig sind, beweisen Feingefühl. Das ist uns sehr angenehm

So lernen wir, wie Experten des Roten Kreuzes mit Unfallopfern, betroffen von unterschiedlichen Verletzungen, umgehen können und sollen. Ich mache gerne mit, aber mein Interesse an diesem Knowhow hält sich in Grenzen, weil ich weder Arzt noch Rettungsfahrer werden will.

Während der Schulzeit bin ich in einem Kloster „interniert“, in dem wir keine weiblichen Wesen, nicht einmal Köchinnen oder Putzfrauen, antreffen. Wen wundert’s also, dass ich die Gelegenheit, mit so vielen Mädchen in Kontakt zu kommen, gerne für ausführliche Gespräche und vor allem Späße nütze.

Diese Mädchen oder - besser gesagt - jungen Damen müssen ihre Übungen bei der Pflege von Kranken indoor machen. Nur bei der Alten-Betreuung können auch sie im Freien üben. Angeleitet werden sie von der Pflegerinnen-Ausbildnerin Schwester Elsa, bei der wir uns - wie bei Schwestern üblich - die Anrede per Vornamen leisten. Bei all diesen praktischen Schulungen tragen unsere Kolleginnen ausnahmslos eine Uniform, die zwar nur in einer Schwesternhaube mit dem Emblem des Roten Kreuzes und dazu passenden Schürzen besteht. Nur die Vertreterin aus England trägt ein Kopftuch, ebenfalls gekennzeichnet mit einem Roten Kreuz.

Bei uns „Männern“ geht es lockerer zu. Nur unsere ostdeutschen Kameraden tragen immer - auch bei unseren Freizeitaktivitäten - ein Uniform-Hemd. Die englischen und kanadischen Freunde erscheinen bei offiziellen Anlässen im eleganten Blazer, dazu passender Hose und einer Krawatte. Diesen Umstand benützen wir dazu, einen von ihnen in einer solchen Galauniform mit einer Tellerkappe als Polizist bei den inszenierten Unfällen auftreten zu lassen.

Bei uns in Tirol brauchen wir keine Uniformen, weil wir weder praktische Übungen machen noch bei Paraden mitmarschieren. Wir „beschränken“ uns in erster Linie darauf, den Geist Henry Dunants, des Gründers des Internationalen Roten Kreuzes, bei der Altenbetreuung umzusetzen und sein Gedankengut in unserer Jugendrotkreuz-Zeitschrift „Stimme der Jugend“ weiter zu verbreiten.

Was ich sehr hilfreich finde, ist der „Rautek“-Griff, den uns dessen
Erfinder, Herr Rautek, persönlich beibringt: einfach die Füße des Kranken zu einem Angelpunkt übereinander schlagen, seine Arme verschränken, mit beiden Händen unter den Achseln durchgreifen und dort anfassen, um so den Patienten von einem Sessel in den anderen zu heben oder mit einem Gehilfen weiterzutragen.

Beim Federball-Spielen engagiere ich mich besonders, kann ich dabei doch zeigen, wie fit und fesch ich bin. Einen Einsatz anderer Art stelle ich beim Essen von Marillenknödeln unter Beweis. Angesichts der vielen Tischgäste sind diese zwar recht klein, zum Schluss jedoch bleibt eine ansehnliche Menge über, die dreien von uns erlaubt, einen Wettbewerb im Knödelessen zu starten. Meine zwei Kollegen geben nach geraumer Zeit auf, sodass nur mehr ich überbleibe. Um zu zeigen, dass ich nicht am Ende meiner „Kräfte“ angelangt bin, mache ich noch weiter und höre erst - erschöpft - beim Rekordwert von 42 Stück auf.

Die Anzahl der Uniform Tragenden Gefährten erhöht sich schlagartig, als uns eine Gruppe aus Schweden besucht. Auch dort trägt man beim Jungendrotkreuz eine „Montur“, zumindest in Form von Hemden.

Wir unsererseits besuchen eine Gruppe von Pfadfindern, die in der Nähe von uns ihre Zelte aufgeschlagen hat. Im Vergleich zu ihnen fühlen wir uns wie Krösusse, als wir in die Zelte hineinschauen dürfen.

Nach drei Wochen einschlägiger Schulungen und begeisterter Gemeinsamkeit verabschieden wir uns voneinander mit dem Versprechen, in Kontakt zu bleiben.

Weitere drei Wochen später wird am 13.August 1961 die Berliner Mauer hochgezogen, was uns im Westen mit großer Betroffenheit erfüllt.

Zurück in Innsbruck wohne ich wieder im Kloster und besuche das Gymnasium. Und unsere Jugendrotkreuz-Gruppe hier verlangt wieder meinen persönlichen Einsatz.


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